Die Aktualität von Yoga für unsere Kultur – Teil 1

Yoga ist heute ein beliebtes Entspannungs- und Erholungsprogramm in unserer Kultur geworden. Mit Yoga sind im Westen in erster Linie die Körperübungen, die asana, bekannt geworden. Vielfältige Entspannungs- und sogar Gesundungserscheinungen lassen sich durch eine gediegene Yoga-Übungsweise über längere Zeiträume erkennen.

Yoga umfasst erheblich mehr, als zu einer guten Körpergesundheit und angenehmer Entspannung beizutragen. Dies wird deutlich, wenn man sich mit ursprünglichen Schriften des Yoga aus dem alten Indien wie der Bhagavadgita beschäftigt. Eine andere bedeutende Quelle sind die Beschreibungen des raja-yoga durch den Gelehrten Patanjali von vor etwa 2000 Jahren. Die Beschreibung, was Yoga in der Entwicklung des Menschen darstellen kann, wurde in damaliger Zeit hauptsächlich mündlich individuell von Lehrer zu Schüler weitergegeben. Patanjali formulierte im raja-yoga (astanga) acht Glieder oder Einzeldisziplinen (genau genommen in den yogasutra), die für den Yogalernenden durch sein eigenaktives Streben zu etwas Ganzem, zu etwas Lebenumspannendem werden:

 Der rāja-yoga (astānga) des Gelehrten Pataňjali

8. samādhi          Überbewusstsein

7. dhyāna            Aufmerksamkeit und Einswerden mit dem Objekt

6. dhāraṇa           Konzentration auf ein Objekt

5. pratyāhāra      Rückzug der Sinne

4. prāṇāyāma      Kontrolle von Atmung und Energie

3. āsana               Haltung, Stellung

2. niyama            Lebensregeln

1. yama               übergeordnete Lebensgesetze

 

Wir haben hier nicht das Anliegen, diese acht Glieder detailliert zu erläutern, jedoch kann ein erster Eindruck vermittelt werden: In den yama und niyama setzt sich der Lernende mit seinem Stand in der Welt, mit seiner Wirkung auf die Welt und insbesondere mit übergeordneten Lebensgesetzen auseinander. Er lernt dabei, das Leben zu reflektieren, statt darüber zu grübeln. In den asana, dem pranayama und dem pratyahara übt er objektive Anschauung, Körperbeherrschung und den Umgang mit Lebensenergie und den Wahrnehmungssinnen. Mit dharana und dhyana übt er in Konzentrations- und Meditationsübungen, sein Bewusstsein frei von äußerlichen Befindlichkeiten einzusetzen. Aus der Gesamtheit dieser Lernschritte und Übungen kann als Frucht ein außergewöhnliches Erkennen und Einssein mit der Wirklichkeit, samadhi, entstehen. Auch wenn der Teilnehmer eines Yogakurses in einer asana-Übungspraxis die Größe dieses Zielpunktes des samadhi noch nicht erkennen kann und meist auch nicht eigenaktiv anstrebt, bemerkt er doch bald, dass bereits aus den ersten  Schritten mit Yoga ein hervorragender Einfluss auf Gesundheit und Ausgeglichenheit von Körper, Seele und Geist entstehen.

Der im Westen bekannt gewordene hatha-yoga hat letztlich das gleiche Ziel. Er betont innerhalb des Überbaus des raja-yoga insbesondere die asana und das pranayama. Ebenso lassen sich alle substanzvollen Yogawege – z.B. kundalini-yoga – nur aus dem Gesamtverständnis des raja-yoga erfassen.

Vor diesem Hintergrund eines ganzheitlichen Yoga-Verständnisses wollen wir nachfolgend ein Beispiel heranführen, wie sich diese Auseinandersetzung mit Yoga im Alltag auswirken kann.