Das Auftreten eines neuen Virus hat die Regierungen der Welt zu weitreichenden Maßnahmen zur Regelung des öffentlichen Lebens greifen lassen, um einen befürchteten Zusammenbruch der Gesellschsft bzw. seiner Funktionsorgane zu verhindern. In den letzten 15 Monaten wurden einige Selbstverständlichkeiten und grundlegende Regeln des Zusammenlebens eingeschränkt und neue in die Praxis umgesetzt. Viele Menschen sind derzeit aber auch überrascht, wie die Gesellschaft weltweit mit dem Gefühl dieser globalen Bedrohung umgeht, wo sie nach Abhilfe sucht und was sie bereitwillig zurückstellt. Wie wenig Kraft traut sie den natürlichen Abwehrkräften des Menschen zu und wie viel der modernen Gesundheitstechnik?

In den Maßnahmen, die zur jetzigen Zeit im Äußeren ergriffen und weitgehend akzeptiert werden, offenbart sich nicht eine Selbstverständlichkeit der einzig denkbaren logischen Reaktionen. Es offenbahrt sich vielmehr die innere Verfassung, mit der wir schon länger durch das Alltagsleben schreiten. Erst in der Notwendigkeit einer Bewährung zeigt sich, wo man wirklich steht.

Auf einer internationalen Konferenz1) wurden Möglichkeiten diskutiert, auf die vermeintliche Bedrohung zu reagieren. K. Schwab fand mit seinen Zukunftsvisionen des Transhumanismus viel Beachtung, stellte er doch in Aussicht damit den globalen Problemen wie Überbevölkerung, Klimawandel, Ressourcenmangel und ungleiche Verteilung des Wohlstandes reagieren zu können, wofür ein „Great Reset“, eine umfassende Neuaufstellung aller Strukturen erforderlich sei. Die deutsche Bundeskanzlerin A.Merkel schlug dort mehr Entschlossenheit vor, um den Zukunftsherausforderungen mit Digitalisierung und Vernetzung aller Lebensbereiche zu begegnen. Damit würde sie letztlich die Grundlagen für diese Neuordnung schaffen.

Wenn sich das Gefühl der unmittelbaren Bedrohung in Zukunft beruhigen wird, wird der Zurückschauende reflektierend wahrscheinlich erstaunt sein, welche Kräfte sich in dieser Zeit in den öffentlichen Maßnahmen offenbart haben. Und welche Errungenschaften der Aufklärung und des Humanismus man leichtfertig aufgegeben hat. Einer der sich nicht gewundert hätte, wäre wohl Aldous Huxley2) gewesen, Autor des Romans „Schöne Neue Welt“ erschienen 1932. Um seinen Zeitgenossen vor Augen zu führen, wie sich die innere Verfasstheit einmal als äußeres Gesellschaftsleben niederschlagen könnte, erfand er in diesem Roman eine Zukunftswelt und schildert den Alltag und die inneren Erlebnisse einiger Protagonisten.

Wir können heute aus wohltuendem Abstand von fast 100 Jahren darin lesen und den Zusammenhang zwischen den (futuristischen) Äußerlichkeiten des Alltags in der Schönen Neuen Welt und den treibenden Kräften auf Authentizität prüfen. Ohne die Handlung des Buches oder seine Lektüre vorweg zu nehmen, sollen kurz einige Merkmale der „Schönen Neuen Welt“ umrissen werden, bevor weiter unten Aldous Huxley selbst zu Wort kommt.

  • In einem Konflikt, der die Menschheit auszurotten droht, erklärten sich alle Völker der Erde bereit, sich einer Weltregierung zu unterstellen. Mit Hilfe weitentwickelter Wissenschaften und Technik gelang der Aufbau einer Gesellschaft, die hochorganisiert in vollkommener Versorgung und Frieden lebt.

  • Die Geburten werden staatlich geregelt und zum frühesten Zeitpunkt wird die Aufgabe des einzelnen Menschen in der Gesellschaft festgelegt. Der Einzelne erhält nur soviel Bildung, Information und Wissen, wie er für den Dienst in dieser Aufgabe braucht. Prägungen werden durch Gentechnik und bewusstseinsformende Erziehungstechniken übertragen.

  • Die Menschen arbeiten meist in perfekten Fabriken, keiner wird dabei überfordert, jeder weiß, was er zu tun hat. Ein Scheitern des Einzelnen in seinem Leben ist unmöglich. Die Verantwortung für die eigene Arbeit trägt nicht der Einzelne, sondern das perfektionierte System.

  • Auch das Gesellschaftsleben wird vom Staat für die Menschengruppen unterschiedlicher Bildung umfassend organisiert. Jeder bekommt seine angemessene Unterhaltung, die ihm immer wieder seine Rolle in der Gesellschaft illustriert und sein Selbstwertgefühl stärkt. Etwaige Einbrüche oder Zweifel an der eigenen Zufriedenheit können mit einer Droge ohne schädliche Nebenwirkungen kompensiert werden.

  • Jeder kann innerhalb seiner Gruppe soviel Sex mit unterschiedlichen Partnern haben, wie er will. Wenn man sich auf einen Partner zu weit einlässt, wird dies als Verweigerung der Solidarität gegenüber der Gruppe missachtet.

  • Gesundheit und Vitalität prägen das Alltagsbild, da man die Menschen nicht alt werden lässt.

Der Roman beobachtet den Alltag einiger Personen und lässt den Leser an dieser Normalität der Schönen Neuen Welt teilhaben. Wäre es nicht schön, ohne Zukunftssorgen und ohne Entscheidungsnöte in eine solchen Gesellschaft eingebettet zu sein?

Die Erzählung kommt zu einer Wendung, als ein Mensch in dieser Gesellschaft auftaucht, der durch einen Zufall nicht die staatlich organisierte Bildung und Prägung durchlaufen hat und beginnt, Fragen zu stellen….

Die Entstehung des Romans fällt in die bemerkenswerte Zeitepoche der 1920er Jahre. Denken wir uns kurz in Ereignisse dieser Zeit ein: Die kolonialen Großmächte waren ins gebrechliche Alter gekommen, der erste Weltkrieg hinterließ Zerstörung und Schrecken ohne danach in optimistische Zukunftsperspektiven zu münden.

Der Fortschritt der neuzeitlichen Wissenschaft erreichte im 19. Jahrhunderts einen Höhepunkt. Damit verbunden wuchs auch die neue Gesellschaftsschicht der Arbeiter, was ganz neue soziale und politische Fragen aufkommen ließ.

Auf der Basis der Naturwissenschaften hatte sich über drei Jahrhunderte eine mechanistische Weltanschauung gefestigt, die den Glauben an die Individualität des Menschen und seine Bestimmung durch eine göttliche Quelle faktisch ins Abseits drängte und einen Glauben an (technischen) Fortschritt und unbegrenzte Machbarkeit gefestigt hatte. In diesem Glauben lebte die allgemeine Bevökerung, ohne die Grundlagen verstehen zu müssen. Das war Zeitgeist.

In den 1920er Jahren erkannten jedoch außergewöhnliche Forscher und Denker wie u.a. N. Bohr, A. Einstein und W. Heisenberg, dass diese Basis der Naturwissenschaften eben nicht wahr war sondern nur ein Konstrukt der neuzeitlichen Wissenschaftsära. Einsteins Relativitätstheorie und die Heisenbergsche Unschärferelation wurden zwar unter Physikern ausgiebig diskutiert und in die Lehrbücher übernommen, dass dem mechanistischem Weltbild aber damit auch Evidenz und Grundlage genommen wurde, ist bis heute nicht in den Alltagsglauben der Menschen vorgedrungen. Daher bestand für die Allgemeinheit auch bis heute noch keine Notwendigkeit, den neuen Denkschritten dieser Forscher Beachtung zu schenken.

Was geschah noch in dieser Zeit? In den ersten 25 Jahren des 20. Jahrhundert formte Rudolf Steiner die Anthroposophie und legte damit eine neue Basis für Wissenschaftlichkeit, Weltverständnis und Menschenbild an. Die gewohnten Rollenaufteilungen von erkennender, evidenter Wissenschaft und glaubender Religion zerbrechen dabei und werden zu einer Synthese geführt, die vom individuellen Menschen aufgegriffen werden kann und sich der Institutionalisierung entzieht. Vermeintliche Grenzen der Erkenntnisfähigkeit wurden von Rudolf Steiner überschritten.

In diese Zeit der Verunsicherung und des Neuanfangs schrieb Aldous Huxley seinen Roman „Schöne Neue Welt“ wie eine Warnung hinein. Er zeigt, wohin sich die Gesellschaft zwangsläufig entwickeln muss, wenn sie ohne Beachtung solcher neuen Entwicklungsangebote und -aufforderungen an der überkommenen mechanistischen Weltsicht festhält und darin ihr vermeintliches Heil „festzuschrauben“ oder „perfekt zu programmieren“ sucht. Und so kommt es, dass dieser Roman in seinen Seelenbildern und Seelenerlebnissen heute so aktuell ist. In den Zukunftsvisionen, die inzwischen 100 Jahre alt sind, kommen zwar Erscheinungen wie Smartphones oder Influencer nicht vor (Huxley hatte Menschen dieser Tätigkeit in seiner Geschichte Gefühlsingenieure genannt), ihre Wirkung auf das Innere des Menschen, auf das Seelenerleben bezogen können wir aus dem sicheren Abstand des Romanlesers beobachten. Für dieses Nachspüren und Vergleichen lohnt sich die Lektüre heute noch oder heute erst recht (sie gehörte zumindest bis in die 90er Jahren noch zur Schulliteratur der gymnasialen Oberstufe).

1950 schrieb Huxley eine Reihe von Essays, in denen er seine Sicht auf das Zeitgeschehen aus dem Blickpunkt seiner Visionen des Romans aktualisiert. Zu einem Gedanken sei hier ein sehr konzentriertes Zitat eines Kapitels aus „Wiedersehen mit der Schönen Neuen Welt“ mit dem Titel „Überorganisierung“ empfohlen :

— (nur in der pdf-Datei ist der Textauszug enthalten).

Huxley schildert in seinem Roman und in den 1950 folgenden Essays also die negativen Auswirkungen, die eine Beharren auf alten Denk- und Erkenntnisstrukturen für die Gesellschaft zwangsläufig haben muss. Das heißt nicht, dass er keine positiven Entwürfe für den nächsten Schritt aus dieser Verfestigung heraus gedacht und gesehen hat. Fast wirkt es aber notwendig, erst einmal dem Leser in die Reflektion, in das eigene Denken und in das unbeeinflusste Fühlen zu verhelfen, bevor ein eigenaktives, individuelles Wollen für die Zukunft entsteht. Und Mut.

Auch der Autor dieses Artikels sieht Alternativen zu dem derzeit eingeschlagenen Weg und hat die erforderlichen Entwicklungsschritte und Möglichkeiten dafür in einer Broschüre3) beschrieben. Es scheint jedoch, als fänden zur Zeit nur Alternativen breitere Akzeptanz, die keine allzu großen Willensanforderungen an den Einzelnen stellen. Diesen Willen sowie die individuelle Entschlusskraft zu stärken war eines von Huxleys Motiven für seine lebenslangen  Forschungen und Publikationen.

Nachfolgend finden Sie die pdf-Datei

Fußnoten :

1) Bundeskanzlerin Angela Merkel am 26.1.2021 anlässlich des World Economic Forum WEF: https://www.youtube.com/watch?v=tQ4M3oZlS1E

Dazu auch unter human enhancement : https://www.weforum.org/agenda/archive/human-enhancement/

2) Der Autor Aldous Leonard Huxley wuchs in England auf und übersiedelte vor dem zweiten Weltkrieg in die USA. Er wurde nach einigen erfolgreichen Veröffentlichungen als Schriftsteller, Intellektueller und Gelehrter bezeichnet, er besaß gute Kenntnisse der Naturwissenschaften und beschäftigte sich intensiv mit der Frage, wie der Mensch die Grenzen seines Denkens und Wahrnehmens weiten kann. Er sah dies als Notwendigkeit für den Aufbau einer menschenfreundlichen, entwicklungsoffenen Gesellschaft an. Auch sammelte er Erfahrung mit östlicher Weisheitsschulung und Meditation.

3) „Die Ordnung der Seelenkräfte im Yoga“ Bernd Klane 2018 im Eigenverlag,

ISBN 978-3-00-0 59319-2